Die Malmsheimer Schnôcke

Die Malmsheimer Schnôcke

Warum die allenthalben als „sehr betriebsam“ gerühmten Malmsheimer für „Schnôcke“  gehalten werden, diese Frage ist nur schwer zu beantworten. Da es überall „sotte ond sotte“ gibt, wird man auch in einer großteils betriebsamen Bevölkerung immer ein paar Langsame, Gemächliche, Bedächtige finden. Nicht von der schnellsten Truppe war sicherlich jener Bauer, der eines Tages nach Eltingen ging, um in der Gipsmühle einen Sack voll „Ips“ zu kaufen. Den Gipsmüller bat er, beim Abfüllen doch wohl recht ordentlich zu messen, denn er sei arm und müsse alles selber tragen. Der Eltinger „Ipsknüpfel“ war ein rechter Spaßvogel und füllte den Sack bis zum Rand, dass man ihn kaum mehr lupfen konnte. Der Malmsheimer schulterte zunächst sehr erfreut seinen „Fang“, doch kam er auf dem Heimweg mächtig ins Schnaufen. Nur noch im Schneckentempo ging es vorwärts. So verfiel er in seiner Not darauf, alle paar Schritte einige „Schucker“ Gips in den Straßengraben zu leeren. Und als er es schließlich über den Längenbühl geschafft hatte, da enthielt der Sack noch weniger Gips als er sonst heimzubringen pflegte. Auf die Neckerei eines sich auf dem Heimweg befindlichen Eltingers: „Du hoscht aber a kleins Schneckehäusle uff em Rücke“, antwortete der Malmsheimer: „I be au koa Laschtesel“, und spielte dabei schlagfertig auf den Eltinger Spitznamen an. Die Malmsheimer „Schnôcke“ kannten aber auch ganz andere Geschwindigkeiten, die jeden Spötter Lügen straften. „Wo 's will, geit dr Bock Milch!“

Diese Redensart bewahrheitete sich einstmals in der Weise, wie es Karl Häfner in der Malmsheimer Chronik beschrieben hat: „Als am Anfang des vorigen Jahrhunderts die Bauern noch wohlhabender gewesen sind und hoch zu Ross in die Amtsstadt kamen, hat sich der Ochsenwirt von Malmsheim folgendes geleistet. Er war zu einer Testamentseröffnung nach Leonberg eingeladen; dabei stellte sich heraus, dass er übergangen, also enterbt war. Im Zorn darüber riss er dem Oberamtsrichter das Testament aus der Hand, zerriss es in Fetzen und warf es ihm vor die Füße. Dann stürzte er zur Tür hinaus und rannte dem Gasthof Löwen zu, wo er seinen Gaul stehen hatte. Als er das Pferd aus dem Stall zog und fortreiten wollte, kamen schon zwei Landjäger daher, und viele Leute hatten sich angesammelt. Der „Ochse“ wollte Eltingen zu reiten, musste aber umkehren, als die Polizisten zu schießen drohten. Trotzdem ging er aber nicht zum „Löwen“ oder zum Gericht zurück, sondern sprengte durch die Schlossgasse zu den „hundert Stäffele“, ritt neben diesen hinab, Rutesheim zu, seine Verfolger hinter ihm her. Als auf deren Zuruf der Klausenmüller und sein Knecht ihn aufhalten wollten, setzte er in die Glems hinein und ritt in gestrecktem Galopp darin weiter bis vor die Schweizermühle. Die Landjäger und wer sonst hinter ihm her war, konnten nicht mehr folgen, und er gewann durch das Wasserbachtal seine Heimat. Die folgenden Tage hielt er sich verborgen, zur Flucht bereit, weil er erwartete, vom Landjäger abgeholt zu werden. Allein er blieb unbehelligt. Der Richter soll die Sache weiter berichtet haben; vom König soll jedoch der tapfere Ritter begnadigt worden sein.“

(gekürzt aus: Wolfgang Wulz, Bäre, Beerlesklopfer ond Bachscheißer, Silberburg-Verlag, 2015.

ISBN 978-3-8425-1437-9)

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