Die Renninger Schnaigees

Die Renninger Schnaigees

Wenn nach uralten Traditionen am Martinstag oder am Weihnachtsfest in Millionen von Backröhren die Gänsebraten schmoren, auf den Herden das Blaukraut köchelt und in den Töpfen die Kartoffelknödel ziehen, dann denkt kaum einer daran, dass nur der zehnte Teil des Geflügelfleisches aus deutschen Landen stammt. Gänse gehören demnach auch heutzutage noch – zumindest hierzulande – zu einer eher raren Gattung von Federvieh. Und herrschte nicht in den osteuropäischen Staaten chronischer Devisenmangel, so müssten zahlreiche Feinschmecker ihre Martins- oder Weihnachtsgans vom Küchenzettel streichen.

Auf die Gänse-Rarität nicht verzichten wollte auch einmal in grauer Vorzeit der Renninger Schultes, als er die Mitglieder des Dorfgerichts zum jährlichen traditionellen Martinsessen einzuladen hatte.

Von diesem Ereignis berichtet eine im frühneuhochdeutschen Stil des Renninger Lagerbuchs verfasste, alte Aufzeichnung:

„Es begab sich, dass der Renninger Veldtschütz ein Nest mit Eiern fand, so von wilden Genzen, welche man auch Schneegenz nennet, in die Binsen am See geleget warn. Als er dies dem Schultheißen dienlichst anzeiget, ward ihme der befürlich, die Eier einer Brutganz zu geben und dieweilen die jungen Genze ufzuziehen als des Fleckhen Eigentumb. Der Schütz tat, wie ihm geheißen und trieb des Sommers die jungen Schneegenz Tag vor Tag mit den anderen Genzen uf die Allmand, darob sie prächtiglich gediehen. Uf Martini aber, wann von dem Schultheißen dem Gericht und Zusatz die Suppen und derTrunk zu raichen war, hieß der Schulze den Schützen die Genz abtun und zurichten. Dieweilen derselbig, ohn sich recht zu bedenckhen, den Genzstall uffmachte, zog eine Schar wilder Genz mit großem Geschnatter hoch in den Lüften über das Dorf. Allsogleich reckten die Genz des Schützen die Köpfe, machten die Hälz lang und flatterten uff und davon, den Schwestern nach. Der Schultheiß ließ den Schützen hart an ob gemeldter Sach und befahl ihm, sein Maul zu halten, dass nichts mit uffkäme im Fleckhen von der Bosheit der Genz. Darnach trug er ihm uff, insgeheim einen Bock zu metzgen und zuzurichten, sintemalen noch keiner Fleisch von wilden Genzen gessen habe und allso auch keiner wisse, wie es schmecke. Auch hülffen einige Kannen Weins sicher dabei, dass kein unrecht Gedanke uffkäme. Allenthalben aßen so Gericht und Zusatz das Fleisch des Bockes und meinten, es sei von Schneegenzen. Einer freilich, der ein Leckhermaul war, sagete bei dem Mahle, das Fleisch von den Schneegenzen munde ihm zwar sehr gut, aber er meine zu schmeckhen, dass es nicht wenig bockelet. Aus der Ursach man die Renninger hinfür Schneegenz nennete.“

Wenn man sich in Renningen so umhört, wollen viele Alteingesessene nichts von dieser schwankhaften Deutung ihres Necknamens wissen, obwohl sie doch durch die altertümliche Quelle als sicher verbürgt scheint. Ihnen gefällt viel besser die schmeichelhaftere Auslegung, durch die der Spottname zu einem wahren Ehrentitel für die von Dörflern zu Städtern aufgestiegenen Renninger erhoben wird:Wenn nach uralten Traditionen am Martinstag oder am Weihnachtsfest in Millionen von Backröhren die Gänsebraten schmoren, auf den Herden das Blaukraut köchelt und in den Töpfen die Kartoffelknödel ziehen, dann denkt kaum einer daran, dass nur der zehnte Teil des Geflügelfleisches aus deutschen Landen stammt. Gänse gehören demnach auch heutzutage noch – zumindest hierzulande – zu einer eher raren Gattung von Federvieh. Und herrschte nicht in den osteuropäischen Staaten chronischer Devisenmangel, so müssten zahlreiche Feinschmecker ihre Martins- oder Weihnachtsgans vom Küchenzettel streichen.

Auf die Gänse-Rarität nicht verzichten wollte auch einmal in grauer Vorzeit der Renninger Schultes, als er die Mitglieder des Dorfgerichts zum jährlichen traditionellen Martinsessen einzuladen hatte.

Von diesem Ereignis berichtet eine im frühneuhochdeutschen Stil des Renninger Lagerbuchs verfasste, alte Aufzeichnung:

„Es begab sich, dass der Renninger Veldtschütz ein Nest mit Eiern fand, so von wilden Genzen, welche man auch Schneegenz nennet, in die Binsen am See geleget warn. Als er dies dem Schultheißen dienlichst anzeiget, ward ihme der befürlich, die Eier einer Brutganz zu geben und dieweilen die jungen Genze ufzuziehen als des Fleckhen Eigentumb. Der Schütz tat, wie ihm geheißen und trieb des Sommers die jungen Schneegenz Tag vor Tag mit den anderen Genzen uf die Allmand, darob sie prächtiglich gediehen. Uf Martini aber, wann von dem Schultheißen dem Gericht und Zusatz die Suppen und der Trunk zu raichen war, hieß der Schulze den Schützen die Genz abtun und zurichten. Dieweilen derselbig, ohn sich recht zu bedenckhen, den Genzstall uffmachte, zog eine Schar wilder Genz mit großem Geschnatter hoch in den Lüften über das Dorf. Allsogleich reckten die Genz des Schützen die Köpfe, machten die Hälz lang und flatterten uff und davon, den Schwestern nach. Der Schultheiß ließ den Schützen hart an ob gemeldter Sach und befahl ihm, sein Maul zu halten, dass nichts mit uffkäme im Fleckhen von der Bosheit der Genz. Darnach trug er ihm uff, insgeheim einen Bock zu metzgen und zuzurichten, sintemalen noch keiner Fleisch von wilden Genzen gessen habe und allso auch keiner wisse, wie es schmecke. Auch hülffen einige Kannen Weins sicher dabei, dass kein unrecht Gedanke uffkäme. Allenthalben aßen so Gericht und Zusatz das Fleisch des Bockes und meinten, es sei von Schneegenzen. Einer freilich, der ein Leckhermaul war, sagete bei dem Mahle, das Fleisch von den Schneegenzen munde ihm zwar sehr gut, aber er meine zu schmeckhen, dass es nicht wenig bockelet. Aus der Ursach man die Renninger hinfür Schneegenz nennete.“

Wenn man sich in Renningen so umhört, wollen viele Alteingesessene nichts von dieser schwankhaften Deutung ihres Necknamens wissen, obwohl sie doch durch die altertümliche Quelle als sicher verbürgt scheint. Ihnen gefällt viel besser die schmeichelhaftere Auslegung, durch die der Spottname zu einem wahren Ehrentitel für die von Dörflern zu Städtern aufgestiegenen Renninger erhoben wird:

„Während unsere gewöhnliche Hausgans dumm aussieht, wenn sie so auf der Wiese daher wackelt, ist die Wildgans alles andere als tölpelhaft. Aufgrund ihrer Klugheit und Vorsicht wird sie nur selten vom Jäger geschossen. Der lebhafte Vogel ist den ganzen Tag in Bewegung, gerade so wie die Renninger. Schon am frühen Morgen sieht man diese auf dem Feld ausschwärmen, und erst am späten Abend kehren sie zurück. Weil das in den Nachbarorten nicht so ist, haben diese die Renninger schon immer auf gut Schwäbisch Schnaigees geheißen.“

 (verkürzt aus: Wolfgang Wulz, Bäre, Beerlesklopfer ond Bachscheißer, Silberburg-Verlag, 2015.

ISBN 978-3-8425-1437-9)

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