Ortsgeschichtliches aus Renningen und Malmsheim

Wappenstein Dachsberg

am Gebäude Calwer Straße 4 in Malmsheim

 

Wer durch Malmsheim geht, dem fällt in der Ortsmitte ein stattliches und repräsentatives Gebäude mit einem Fachwerkgiebel auf (vgl. Bild 1). An diesem Haus, Calwer Straße 4, befindet sich ein Wappenstein, der mittig an der Giebel­seite oberhalb des Erdgeschosses angebracht ist. Mancher wird sich fragen, was es mit diesem Wappen auf sich hat    (Bild 2).

Es handelt sich hier zweifelsfrei um das Wappen der Freiherren von Dachsberg, ein Adelsgeschlecht, das auf den ersten Blick eigentlich gar keinen Bezug zu Malmsheim hat.

 

Der Schild des Wappens (Bild 2) zeigt vier Felder, jeweils zwei gegenüber­liegende Felder sind gleich bzw. ähnlich gestaltet. Auf zwei Feldern ist jeweils ein silberner Dachs auf rotem Grund zu sehen, die beiden anderen Feldern ent­halten einen senkrechten Pfahl, der mit einem Schachbrettmuster belegt ist. Dabei ist nur das rechte obere Feld in den Originalfarben schwarz und silber gehalten, bei dem Feld links unten ist die Farbgebung (wohl nach einer Restau­rierung) nicht korrekt wiedergegeben, sie müsste der des oberen Felds ent­sprechen. Oberhalb des Schilds befindet sich eine „Helmzier“, zwei Spangen­helme, aus den ein Dachs und eine menschliche Figur ragen. Beidseits des Wappenschilds befindet sich ein in dunkelgrün gehaltenes Rankenwerk, auch hier wurde bei der Farbfassung – wohl in Unkenntnis – vom rot-silber des Originalwappens (s.a. Bild 3) abgewichen. Die Farbfassung hat das Wappen wohl erst bei der Anbringung am Neubau von 1915 erhalten.

Bild 2: Das Wappen in jugendstilartigem Steinrahmen

Bild 3: Das Wappen der Dachsberg (hier Anna Juliana von Dachsberg) im Österreichischen Staatsarchiv in Wien. Rechts die später „gebesserte“ Fassung, als ein Zweig der Dachsberg 1643 in den Grafenstand erhoben worden waren.

Was die Herkunft des Wappensteins anbetrifft, so muss man etwas weiter in der Geschichte zurückgehen:

Auf dem Areal zwischen Calwer Straße, Schöckengasse und Bach, auf dem u.a. das Gebäude Calwer Straße 4 steht, befand sich einst eine mittelalterliche Burg­anlage, später auch „Untere Burg“ genannt. Sie war einst Sitz des Ortsadels, wurde aber bereits im 15. Jahrhundert als „Burgstall“ bezeichnet, also als zer­fallene und nicht mehr bewohnte Burg. Nach einem Verkauf an die Grafen von Württemberg wurde das Gelände an Malmsheimer Bauern weiterveräußert, die es unter sich aufteilten. Sie errichteten die Hauptgebäude ihrer Hofanlagen ent­lang der heutigen Calwer Straße.

 

Das Gebäude Calwer Straße 4 wurde neu erbaut, nachdem der Vorgängerbau bei einem Brand im Jahr 1915 zusammen mit dem danebenstehenden Gasthof zum Adler (Calwer Straße 2) vollständig zerstört worden war. Bei diesem Vor­gängerbau handelte es sich um ein spätbarockes kleines Palais mit Mansarden­dach und Durchfahrt (von den Malmsheimern auch „Schlössle“ genannt), das sich im 18. Jahrhundert der Schultheiß und Adlerwirt Johann Jakob Redwiz und seine Frau Barbara hatten erbauen lassen (Bild 4). Der Wappenstein war – wie auf alten Ansichten ersichtlich - bereits an diesem Vorgängerbau eingelassen (ebenfalls Bild 4), am Neubau von 1915 wurde er dann an zentraler, promi­nenter Stellen in einem steinernen Rahmen wieder angebracht (Bild 1).

Bild 4: Das spätbarocke Gebäude Calwer Straße 4 vor dem Brand von 1915. Der Wappenstein ist in der unteren Fensterreihe zwischen dem dritten und vierten Fenster von links angebracht.

 

Wie kommt nun aber dieser Stein mit dem Dachsberg-Wappen an ein Gebäude in Malmsheim – wo doch Angehörige dieses Geschlechts hier nicht nachweisbar sind?

 

Karl Häfner berichtet in seiner 1934 verfassten Ortsgeschichte von einer in Malmsheim erhaltenen „dunklen Überlieferung“, dass Johann Jakob Redwiz den Stein von einem Schloss – Hirsau oder Zavelstein – geholt und in seinen Bau ein­gesetzt habe. Allerdings ist Häfner dieser Überlieferung dann nicht weiter nach­gegangen und stellt sie auch gleich wieder kritisch in Frage.

 

Die Freiherren von Dachsberg stammen ursprünglich aus Oberösterreich, waren aber auch im Raum Salzburg und in Niederbayern beheimatet. In diesen genannten Regionen stößt man immer wieder auf ihre Spuren, so beispiels­weise in Laufen an der Salzach, wo sich in der Pfarr- und Stiftskirche an Grab­mälern das Dachsberg-Wappen befindet (Bilder 5, 6 und 7).

Bild 5: Epitaph des Eustachius von der Alben, Erbschenk des Fürstbistums Salzburg, und seiner Ehefrau Elisabetha von Dachsberg (+ 1615) in der Pfarr- und Stiftskirche von Laufen an der Salzach. Hier ist das Dachsberg-Wappen gleich zweimal zu sehen: Rechts neben dem Kruzifix und – etwas größer – links unterhalb der auf der rechten Seite knieenden und betenden Elisabetha.

Bild 6:  Das obere Dachsberg-Wappen aus Bild 5 in der Vergrößerung. Es ist seitenverkehrt, da es das gegenüberliegende Wappen widerspiegeln soll.

Bild 7: Das untere Dachsberg-Wappen aus Bild 5 in der Vergrößerung

Bild 8: Das Ehewappen Fränking/Dachsberg in der St.-Nepomuk-Kapelle

im niederbayerischen Adlsdorf

Zu Württemberg hatten nun die Freiherren von Dachsberg so gut wie keinen Bezug, allerdings mit der im Folgenden dargestellten Ausnahme:

 

Es gab in der Zeit um 1600 am württembergischen Hof in Stuttgart einen Mann, der hieß Benjamin Buwinghausen von Wallmerode (1571-1635). Aus west­fälischem Adel stammend, war er ein Spitzendiplomat, weitgereist und sprach­gewandt, und hat für die Herzöge Friedrich (1557-1608) und Johann Friedrich (1582-1628) schwierigste Aufgaben erledigt. Er hatte auch ein gutes Verhältnis zum französischen König Heinrich IV. (1553-1610), zeitweise verwaltete er auch die an Württemberg verpfändete Herrschaft Alencon in der Normandie. Für seine Verdienste erhielt er 1616 als Lehen das württembergische Amt Zavel­stein, bestehend aus dem Städtchen, einigen Dörfern und einer mittelalter­lichen Burg.

 

Diese Burg hat er in ein Renaissanceschloss umbauen lassen, die Pläne hat ihm dabei kein geringerer als sein Stuttgarter Nachbar (beide wohnten in der Kanzleigasse) Heinrich Schickhardt geliefert.

 

Dieser Benjamin Buwinghausen war in erster Ehe verheiratet mit einer Ursula von Dachsberg. Es ist nun sehr naheliegend, dass der Stein zur Aus­schmückung der neugestalteten Burg gefertigt wurde.

 

In der Stadtkirche von Zavelstein findet sich auf einigen Grabplatten der Nach­kommen Benjamin Buwinghausens (als sogenannte „Ahnenprobe“) ebenfalls das Wappen derer von Dachsberg (Bilder 9, 10 und 11).

 

Als Benjamin Buwinghausen längst gestorben war, im Jahr 1692, wurde Zavelstein während des Pfälzischen Erbfolgekriegs von französischen Truppen fast völlig zerstört. Auch die Burg erlitt dabei starke Schäden und wurde – da nicht mehr bewohnt – von den Zavelsteinern und den Bewohnern der um­liegenden Orte, auch Calw, als Steinbruch benutzt.

 

Es ist nun sehr wahrscheinlich, dass Johann Jakob Redwiz, der Erbauer des Malmsheimer „Schlössles“, den schönen Wappenstein aus Zavelstein mit­gebracht und in sein neues Haus eingebaut hat. Nach dem Brand 1915 wurde der Stein wiederum in das neue Gebäude integriert, diesmal an zentraler Stelle, mit einer jugendstilartigen Umrahmung, wie sie heute noch zu sehen ist.

 

Benjamin Buwinghausen war übrigens nach dem Tod seiner ersten Frau Ursula von Dachsberg noch ein zweites mal verheiratet:  Mit Johanna von Concin. Auch von ihrem Wappen gibt es noch einen Wappenstein von exakt gleicher Größe und Machart, allerdings ohne farbige Fassung (Bild 12). Er ist heute in der Calwer Stadtmauer eingelassen, auf der der Nagold zugewandten Außenseite der Mauer. Wie er dort hingelangt ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Dieser Wappenstein ist ein weiteres Indiz dafür, dass wohl beide Steine aus der Ruine der von Benjamin Buwinghausen umgebauten Burg Zavelstein stammen.

Bild 9:  Dachsberg-Wappen (als Ahnenprobe) auf der Grabplatte für den als Kind verstorbenen Heinrich Benjamin Buwinghausen (1644-1651) in der Stadtkirche zu Zavelstein. Die Grabplatte stammt aus der Werkstatt des bekannten Renaissance-Bildhauers Jeremias Schwartz in Leonberg.

Bild 10:  Dachsberg -Wappen an der Grabplatte für Jacob Friedrich Buwinghausen, als Kind im Alter von 48 Tagen verstorben, in der Stadtkirche von Zavelstein (Werkstatt Jeremias Schwartz in Leonberg).

Bild 11:  Dachsberg-Wappen für drei 1646, 1647 und 1649 früh verstorbene Kinder der Buwinghausen in der Stadtkirche zu Zavelstein (Werkstatt Jeremias Schwartz in Leonberg).

Bild 12:  Das Wappen der Johanna von Concin an der Calwer Stadtmauer

Nach seinem Tod hat Benjamin Buwinghausen von Wallmerode in der Stuttgarter Hospitalkirche ein prächtiges Grabmal erhalten, auf dem er selbst mit seinen beiden Ehefrauen als große Figurengruppe dargestellt ist. Auch die Wappen der drei dargestellten Personen waren dort angebracht. Das Grabmal wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, es haben sich nur Bruchteile erhalten.

Bild 13:  Gläserne Kabinettscheibe mit den Wappen von Benjamin Buwinghausen von Wallmerode und seiner Ehefrau Ursula Elisabeth von Dachsberg im Museum Zavelstein. Die Scheibe stammt vermutlich aus seinem Stuttgarter Haus.

Die Inschriftkartusche im unteren Teil enthält folgenden Text:

 

Beniamin Buwinckhausen

Vo Wallmerod Wirtabe Kriegs und Hoffrahtt

auch Statthalter zu Alanzon und zu anderen

Ihrer Hzl. Französischen Pfandsherschaften

Und Frauw Ursula Elisabett Buwinckhausen von

Wallmerod Geborne von Dachsberg

 

                                   17.5.2026   Eberhard Scheck

Druckversion | Sitemap
© Heimatverein Rankbachtal